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Das im folgenden Text von der Erzieherin Margarete Wiebicke und der Kita-Leiterin Claudia Hoffmann beschriebene Naturprojekt der Dulsberger Kita Lothringer Straße fand während des gesamten vergangenen Jahres statt. Immer wieder zog die Kita mit 22 Elementarkindern ins Freie, um die Alster zu verfolgen - von ihren Ursprüngen bis zu dem großen See, den jedes Hamburger Kind kennt. Ein Jahr an der Alster im Wechsel der Jahreszeiten: hier ist zwar nur ein kleiner Auszug aus dem Kita-Tagebuch abgedruckt, aber er zeigt, wie viel Kinder erleben und erforschen können, wenn sie mit ihren Erzieherinnen das Außengelände der Kita verlassen und in und um Hamburg auf Reisen gehen...



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Vom italienischen Pädagogen Malaguzzi stammt das Zitat: "Gebt den Kindern Koffer, damit sie reisen können." Er meinte das im übertragenen Sinne - dass nämlich Kinder nur weniges brauchen, um aufregende Reisen in die sie umgebende Welt zu unternehmen und dort Entdeckungen zu machen, die ihre Fantasie und ihr Wissen über die Welt beflügeln.
Unser 'Koffer' war der Rucksack mit Regenzeug, Trinkflasche, Obst und Naschis, den wir unseren Kindern mitgegeben haben - und sie haben eine abenteuerliche Reise gemacht. Nicht nach Afrika oder Bali. Nein, von der Alsterquelle bis zur Außenalster.
Warum Wasser, warum überhaupt Natur? Es ist doch viel einfacher, Kinder in der Tagesstätte zu betreuen, als sie Regen, Nebel, Kälte, Schnee, Sonne, dem nicht immer angenehmnen Geruch von Schlick, Moos, Wasser und Erde auszusetzen. Draußen trifft man Kellerasseln und Spinnen - igitt! - nicht Pokemon und Co.
Doch Marlies Olorunfemi (genannt Olo) und Jutta Spencer, zwei unserer Erzieherinnen, sahen das anders. 'Igitt' vor Naturphänomenen kennen sie sowieso nicht. Sie suchten nach einer anregenden Entwicklungsförderung für Kinder, die wenig kostet und eine hervorragende Basis für die Schule bietet.
Etwas in der Natur sollte es sein. Dort kann man sich bewegen ohne räumliche Grenzen, kann spielen, entdecken, kann Materialien ausprobieren. Dreckig machen ist draußen erlaubt und sowieso nicht zu vermeiden, also für Kinder besonders lustig. Und auf dem Weg in die Natur übt man auch noch, sich im Straßenverkehr und öffentlichen Verkehrsmitteln zu bewegen: wie steigt man richtig auf eine Rolltreppe und worauf muss man achten, wenn man an einer Ausfahrt vorbeikommt? Woran erkennt man, ob man in der richtigen S-Bahn sitzt? Usw.
Soweit war also das große Ziel 'Natur' des Projektes klar - nur wie und vor allem wo wäre es am Interessantesten für die Kinder umsetzen? Den eigentlichen Anschub gaben uns die Kinder dann selbst. Wir waren mit ihnen während der Baumblüte zu einem Ausflug im Alten Land, in der Nähe war Wasser - und der Groschen fiel: Wir wissen nicht mehr, ob es Jutta oder Olo war, die rief: "Heureka. Das ist's: Wasser! Am Wasser ist Leben. Kinder lieben Wasser. Und dort gibt es alles."
Wieder in der Kita wurde die Kinderversammlung einberufen. An welches Wasser wollen wir? Die Alster kannten sie alle. Die Außenalster. Aber wo ist der absolute Beginn? Wo ist die Quelle? Auf einer Landkarte nachgeforscht. Ach Gott, ist das weit und laufen müssen wir auch noch!
Um es kurz zu machen: die Alster'anfang' wurde erreicht, das Fahren und sogar das anschließende Laufen dorthin machte allen Kindern viel Spaß, es gab unterwegs jede Menge zu sehen und zu fragen - und von da an war die kleine Gruppe während der folgenden Monate immer wieder tageweise mit ihrem Projekt beschäftigt. Über all das, was wir dabei erlebten, haben wir eine Art Tagebuch geschrieben, in dem wir möglichst genau verzeichneten, welche Anregungen die Kinder aus dem Beobachteten gewannen, welche Fragen sie stellten, welche Ängste sie äußerten, welche Stimmungen sie hatten.
Wir machen jetzt einen Sprung in den Sommer und dokumentieren hier einen Tagebuch-Auszug unseres Abenteuer-Trips:
"Los ging es heute um 9.30 Uhr mit dem HVV, Einstieg Krausestraße in Barmbek. Der Bus war voll. Die Kinder lernten gleich das harte Leben kennen. Pöbelnde Erwachsene, die keinen Platz machten für 22 Elementarkinder. Um 11 Uhr in Poppenbüttel angekommen und gleich ging es los mit der Verkehrserziehung.
Danach endlich Freiheit, endlich Natur. Ein kleiner Teich. Ein Graureiher steht dort und rührt sich nicht. 'Lebt der noch? Warum steht er so still? Wartet der auf einen Fisch?' wollen die Kinder wissen. Tatsächlich steht der Vogel so schön zum Beobachten, dass man denken könnte, der Naturverein Nabu hätte ihn extra für unsere 22 Stadtkinder engagiert.
Der Alsterarm bei Poppenbüttel ist an dieser Stelle 4m breit. Normalerweise messen die Kinder unterwegs immer, wie die Alster 'wächst', aber hier ist sie 'zu dick', wie Ronja findet. Es müsste jemand rüberschwimmen, um am anderen Ufer das Maßband zu halten.
11.30 Uhr: Die Kinder wollen eine Pause machen. Wir rasten an einer Stelle mit viel Totholz. Plötzlich entdeckt eines der Kinder einen Vogel. Olo hat immer eine 'Wundertasche' dabei. Die ist riesig und immer fällt was Nütztliches raus. Diesmal: Bücher über Vögel. Die Kinder suchen selber und finden den Namen des Vogels: Rotkehlchen. Warum heißt das so?
11.45 Uhr: Ein Kind muss mal. Wenn erst eins muss, gehen sie immer in Gesellschaft. Wo darf man Pipi machen im Wald? Darf man überhaupt? Und wie? Jutta packt aus: eine Schaufel, Öko-Toiletten-Papier und erklärt, wie ein Natur-WC funktioniert: Loch machen, draufsetzen, zuschaufeln.
12.00 Uhr: Was allen Kindern auffällt: überall sind hier freilaufende Hunde, Dobermänner usw. Wir sollten mal an unseren Bürgermeister schreiben. Was ist ein Bürgermeister? Wo wohnt der? Interessiert er sich dafür, was Kinder ihm sagen? Warum sagen die Erwachsenen nichts gegen die Hunde, vor denen Kinder Angst haben?
12.30 Uhr: Die Kinder haben Hunger. Wo ist der Tisch, wo sind die Stühle? Baumstämme gehen prima als Ersatz. Nebenbei ist das eine von vielen Wahrnehmungsübungen auf unserem heutigen Ausflug. Stichwort: taktile Förderung, wenn wir uns auf einen Baumstamm setzen: Es ist Sommer , das Holz ist schön warm, duftet, und an der Haut kratzt die Rinde. Eine Lehne gibt es nicht und unter den Füßen kribbelt das Gras. Die Kinder entdecken merkwürdige 'Zeichen' am Baumstamm: wer hat die hinterlassen, was wollte er sagen? Im Gespräch darüber die Arbeit des Holzbocks erklärt.
Die Kinder haben Gäste beim Essen: Ameisen, Käfer usw. Plötzlich ist das Essen unwichtig. Olo muß schon wieder auspacken, diesmal das Käferbuch. Eine Lupe findet sich auch - sehr praktisch! In der Kita nehmen die Kinder seltener Bücher zum Nachschlagen in die Hand!
13.00 Uhr: Fiete weint. Ja, Natur tut manchmal auch weh, Bewegung macht aber schlau. Was haben die Indianer gemacht, wenn sie eine Schramme hatten? Sie kannten noch Naturkräuter, die heilen, und wussten, dass Wasser kühlt. Eines der Kinder erzählt, dass die Oma in der Küche viele Kräuter aufgehängt und getrocknet hat. Was ist mit unseren Kenntnissen? Wir nehmen erstmal das Wasser, der kleine Indianer Fiete ist schnell getröstet und für das nächste Mal ist bestimmt das richtige Buch dabei.
13.30 Uhr: Spielerisch werden physikalische Kenntnisse vermittelt. Ein Ast wird von Johanna in die Alster geworfen und man braucht keine Erkärung abzugeben, was die Strömung ist. Der Ast dreht sich mehrmals und verschwindet dann einfach. Dafür kommen dann Ruderboote, aber keine Hektik, kein Stress: Beobachten, Ruhe und Gerüche bestimmen den Ablauf des Tages.
14.00 Uhr: Überall gibt es Käfer. Vorsichtig unter der Lupe betrachten und wieder aussetzen. Diskussionen folgen. 'Wo bleiben die im Winter?' Gibt es Papa, Mama und Babys? Was fressen die denn?'
14.10 Uhr: Wenn Wasser da ist, wollen Kinder rein. Also, ausziehen und die Füße zuerst in den Alsterschlick. 'Matsch riecht nicht gut, ist voll Wasser und alles sieht braun aus', findet Janina. Stimmt, das muss man nicht kommentieren. Beim Schlick-Quatschen und beim mutigen Eintauchen der Beinchen ins niedrige Wasser, sicher an Olos Hand, alle Sinne angeregt. Stichwort: sensorische Integration. Mike findet: 'Die Alster ist kalt und tief.' Einige sind draußen geblieben. Das ist völlig ok.
15.00 Uhr: Umgekippte und nicht gleich entsorgte Bäume sind nicht nur für Tiere, sondern auch für Kinder ideale Plätze. Man kann z.B. herrlich schaukeln. Der Gleichgewichtssinn wird dabei gefördert, später sogar mal wichtig beim Schreiben- und Lesenlernen. Rauf-runter, rauf-runter. Die Kinder denken nicht daran, dass das auch eine Grundlage für's Lesen bildet, sie fühlen nur, dass Schaukeln glücklich macht. 'Hier sieht es aus wie im Urwald', stellt Johanna fest. 'Warum sieht der Stadtwald in Hamburg nicht so aus?'
Waldhimbeeren gefunden und genascht - lecker! Was kann man daraus machen - Himbeer-Marmelade. Sonst immer bei Aldi gekauft. Wir erinnern uns an den Frühling, als die Himbeersträuche hellrosa blühten: Blüte-Frucht-Ernte.
So langsam müssen wir einpacken. Wir müssen ja wieder zurück in die Kita."
Dies war nur das Stichwortprotokoll eines einzigen Tages in unserem Alsterprojekt, das uns fast ein Jahr lang beschäftigte. Am Ende erreichten wir die Außenalster - klar, dass wir dort dann auch eine Alsterrundfahrt auf einem Schiff gemacht haben. Immer noch reden die Kinder von vielen weiteren Höhepunkten: als sie einen Zahn fanden (wie sich später beim 'nachbereitenden' Besuch im Museum zeigte, leider nicht von einem Dinosaurier, sondern von einem Hirsch); als sie eine tote Ente beerdigt haben; als ein Calvin den Schnee von der Brücke kickte und dabei der Alster einen Schuh 'schenkte' und danach alle überlegen mussten, wie er nun mit nur einem Schuh nach Hause kommen sollte.
Klar: bei all dem haben wir viel für die Aktivierung des Umweltbewusstseins der Kinder getan, das soziale Miteinander gefördert (komisch, in der Natur sind Kinder 'friedlicher'), die Kinder haben viel gelernt, was sie vorher nicht wussten.
Aber vor allen Dingen hat uns allen unser Alsterprojekt Spaß gemacht, unsere Sinne angeregt und während fast eines ganzen Jahres für viele spannende Gespräche und Erlebnisse in der Gruppe gesorgt! Langweilig war es den Kindern und Erwachsenen bei ihren Alster-Ausflügen nicht ein einziges Mal!
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